Bliss - Filmkritik von Uwe Mies


BLISS - Regie: Joe Begos - Im Kino ab 22.2.20

Entzücken, Glückseligkeit, wie schön kann das sein. Für die ambitionierte Malerin Dezzie hat sich dieses Gefühl aus Ekstase und Erfüllung längst in einer künstlerischen Blockade verflüchtigt. Frei von Lust und Inspiration steht sie vor dem Entwurf ihres neuen Bildes und ergreift nur zu gern jede Gelegenheit zur Weltflucht in wilden Parties und exzessivem Alkohol- und Drogenrausch. Aber auch diese Frustkompensation findet ihr Ende, als Dezzies Agent die Klientin vor die Tür setzt und ihr damit den Geldhahn zudreht. Bleibt als letzte Anlaufstelle Hadrian, der ein guter Freund ist und über gut sortierte Drogenvorräte verfügt. Der stärkste Stoff heißt Diablo und Hadrian warnt: Bloß nicht zu viel auf einmal davon nehmen. Dezzie ignoriert das und erlebt eine Nacht, an die ihr am nächsten Morgen jegliche Erinnerung fehlt. Es geht ihr schlecht, sie ist mit Blut besudelt, aber sie hat offenkundig an ihrem Bild gearbeitet und einen Durchbruch erzielt, der auf Großes hinweist. Keine Frage, es muss mehr Diablo her. Dezzies beste Freundin Courtney macht sich genau darüber lächerlich. Die nächste Nacht bleibt auch ohne Diablo nebulös, aber das Bild entwickelt sich angsteinflößend furios. Wenn nur diese Gier nicht wäre.

Ein Hauch von Faustischem Erkenntnisdrang durchschwebt dieses wilde L.A.-Nachtstück, Hieronymus Bosch wetzt die Pinsel, Dorian Gray lächelt sinister, und das Vampirpärchen aus Tony Scotts „Begierde“ und die hedonistische Boheme aus Slava Tsukermans „Liquid Sky“ scheinen vierzig Jahre nach New Wave so ungebrochen aktuell und verführerisch wie das Sixties-Rot in Kenneth Angers „Scorpio Rising“ und „Two Thousand Maniacs“ von Herschell Gordon Lewis. Joe Begos, im Erscheinungsbild die Synthese aus Rasputin und ZZ Top, hat für seine dritte Regiearbeit (nach „The Mind’s Eye“ und „Almost Human“) die Gärten der europäischen Phantastik und der amerikanischen Popkultur durchpflügt. Was er dabei aberntete, wächst hier zu einer schier unbändigen Neuzüchtung eigentlich überholt geglaubter Motive und Ikonografien. Wo andere Filmemacher wie Robert Eggers und Trey Edward Shults dem phantastischen Film mit anämischen Stilübungen die Freude an Exzess und Sinnlichkeit austrieben, nimmt Begos genau den anderen Weg und schickt seine entfesselt erotische Hauptdarstellerin Dora Madison auf eine tour de force der Unmoral von nicht absehbaren Ausmaßen.

Unbändig wie die Lust am stroboskopischen Bildgewitter ist auch das Suhlen in der Ausdrucksarmut im popkulturellen US-Sprachduktus. Wäre das Wort „Fuck“ aus dem Dialogbuch gestrichen worden, der Stummfilm wäre nicht mehr fern gewesen. Das orgiastische Spektakel mit dem ungebremsten Grand-Guignol-Finale kann für sich leicht als spekulative Filmfalschmünzerei abgetan werden. Begos stellt die Form in den Vordergrund und er weiß genau, wie er Licht, Raum und Schauspieler handhaben muss für einen visuellen Kosmos, der sich hiesigen Kriterien von Filmerzählen spielend entzieht, und dabei doppelt so unterhaltsam und herausfordernd ist.

Uwe Mies
Kritik in leicht gekürzter Fassung zuerst erschienen im Kölner Stadtanzeiger