7/17/2019

When Tante Doris Comes To Town…

Ein Essay zum Œuvre der kleinsten, größten Sexploitation-Queen von Christian Keßler

Die zunehmende Fixierung von ehemals ernstzunehmenden und ein verantwortungsbewußtes Leben verfolgenden Cineasten auf den sämigen Unterleib des internationalen Filmgeschäfts ist eine Entwicklung der letzten Jahrzehnte. In vergangenen Zeiten widmete sich die Filmgeschichtsschreibung exklusiv den unbestrittenen Meisterwerken des Mediums. Alles andere überließ man stillschweigend den Regenbogengazetten, zur endgültigen Verwertung und Entsorgung durch den unsichtbaren Souverän, das Publikum. Französische Rezensenten und Historiker tanzten gelegentlich aus der Reihe und erachteten auch Genrefilmer – darunter auch manchen untalentierten, unoriginellen Hajupei – einer eingehenden Würdigung. Das war aber die Ausnahme. Seit des Aufkommens von Video als einer preisgünstigen Alternative zum rituellen Gang in das Lichtspielhaus und die damit verbundene leichtere Verfügbarkeit der ganzen Zelluloidextravaganzen hat sich auch die Filmgeschichtsschreibung verändert – Werte wurden umgewertet, Sekundärtugenden als das erkannt, was sie sind, nämlich sekundär. Der ganze aufgeblasene Gemischtwarenladen Hollywood wurde eingedampft, die Traumfabrik entzaubert und als Spielwiese gewiefter Geschäftemacher enttarnt. Man kennt das aus dem geschlechtlichen Bereich: Nicht nur die Größe zählt, sondern auch die Frechheit! Angesichts des Überraschungsmangels im zeitgenössischen Kino wendete sich der Blick zurück. Und er landete nicht bei den oftmals besungenen Helden, bei Orson Welles und Alfred Hitchcock, bei Marcel Carné und Vittorio de Sica. Er landete bei Russ Meyer und John Waters, bei Jean Rollin und José Bénazeraf, bei Fernando di Leo und Umberto Lenzi.
Bevor wir zu Tante Doris kommen, müssen wir erst einmal mahnende Worte finden, was die Gefahren des Konsums von Exploitationfilmen angeht. Die vorurteilsfreie Begegnung mit moralisch ambivalenten Filmen, die ihr Heil in einer Verfolgung kommerziell attraktiver Elemente suchen, kann das eigene Weltbild ins Wanken bringen. Die Konstanten können aufweichen und sich schließlich unwiderbringlich auflösen, wenn man dem geheimen Charme der cineastischen Halbwelt verfällt. Statt eines stabilen Sicherheitsnetzes wandelt man auf einem Drahtseil, in ständiger Gefahr, in den Sündenpfuhl hinabzustürzen. Manch einer, der sich von den schwammichten Gefilden angezogen fühlt, installiert sich eigene Konstanten, die den Sturz verhindern sollen. Die Flitzpiepen, die damals den herablassenden Quatsch von den „Golden Turkey Awards“ ins Leben gerufen haben, sind solche Leute gewesen. Sie befaßten sich mit vermeintlich „schlechten“ Filmen, um sich über sie zu erheben. Sie definierten sich dadurch, daß sie die Arbeit anderer in den Modder traten. Jemanden wie Ed Wood als „schlechtesten Filmemacher aller Zeiten“ zu diffamieren, ist nicht nur anmaßend – es ist schlicht falsch. Was immer man dem Herrn Wood vorwerfen konnte – er war immer mit Begeisterung bei der Sache, sein verwirrend temperierter Kinotaumel versprühte Enthusiasmus aus jedem Meter Filmmaterial. Ich habe zahllose Machwerke gesehen, die lustlos und mit zynischem Kalkül heruntergekurbelt waren, und sie sind alle langweiliger als die bizarren Extravaganzen des unglücklichen Ed. Jede Minute von PLAN 9 FROM OUTER SPACE besitzt mehr Herz als alle FLUCH DER KARIBIKs zusammengenommen! Wer seine Filme unbedingt mit den Meisterwerken der von ihm bepflügten Genres vergleichen muß, kann das gerne tun, aber er wird weniger Spaß haben bei der Reise.
Doris Wishman nun ist ein besonderer Fall. Sie gehörte zu den wenigen weiblichen Produzenten von Exploitationkino seit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Im Gefolge des sensationellen Erfolges von Russ Meyers THE IMMORAL MR. TEAS fertigte auch sie zahlreiche „nudie cuties“, Filme, deren kommerzielle Attraktivität durch die Zurschaustellung weiblicher Nacktheit gesichert wurde. Das war damals brandheiß, das war damals ganz aufregend! Natürlich durften die Nuditäten nicht mit geschlechtlichen Aktivitäten assoziiert werden, weshalb ganz rührende Geschichten über die Bewohner von Nudistencamps um die Sensationen herumgestrickt wurden. Anders als die meisten ihrer männlichen Kollegen auf diesem Feld erfreute Doris Wishman schon damals durch eine überaus eklektizistische Filmsprache, die es ihr gestattete, ihre ganz private Vorstellung von Schönheit in die Filme einzubinden. Scheinbar beziehungslose Bilder von Flora und Fauna drangen ein in den Mikrokosmos der entfesselten Nackten. Stand diese verwirrende Naturbezogenheit vielleicht noch in einem thematischen Zusammenhang zu den Nudistengeschichten – Bukolik, Naturidyll, „locus amoenus“ –, so behielt sie diese schöne Tradition auch bei, als sie später Krimis und sogar Horrorfilme machte. Wann immer sie sich in die Tabubereiche der Gesellschaft begab, um dort den profitablen Rahm abzuschöpfen, den die Früchte der Sünde erzeugten, so atmeten ihre Produkte stets den Geist des Niedlichen. Keine Spur von Anstößigkeit, vom genüßlichen Sichsuhlen in der Mocke. Selbst die wenigen Pornofilme, die sie in den Siebzigern drehte, waren niedlich und verwöhnten die schmutzige und schuldgebeutelte Fantasie des gemeinen Regelmantelträgers mit in den Film hineingeschnittenen Inserts von putzigen Tierchen, pittoresken Naturschauspielen und grellbunten Sitzkissen mit Puschelapplikationen. Viele dieser Filme waren auf sympathische Weise handgemacht, entstanden unter Mitwirkung ihrer Familie und nicht selten in ihren eigenen vier Wänden. Ästhetisch lassen sich die Werke der Doris Wishman auf eine unkomplizierte Formel reduzieren: Sie packte einfach alles hinein, was sie schön fand. Daß sie dabei der traditionellen Filmsprache den Fehdehandschuh hinwarf und nicht selten die Gesetze von Zeit und Raum links liegen ließ, hätte ihr egaler nicht sein können. Sie schuf sich ihre eigene Filmsprache mit dem Entdeckergeist und der Bravado eines unschuldigen Kindes. Dabei entfesselte sie sehr viel Kreativität. Legendär etwa ist ihre Methode, Löcher in der Abfolge bereits vorhandenen Filmmaterials zu stopfen: Sie bastelte Füße hinein, denn die verbanden alles! Füße tragen einen überall hin, und das gilt eben auch für die Filme von Doris Wishman.
Ich hatte einige Jahre vor ihrem Tod Gelegenheit, die große Dame des Exploitationkinos kennenzulernen. Sie war zu Gast beim „Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega“, ihr erster Besuch in Deutschland zu jenem Zeitpunkt. Tante Doris war so neugierig, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Gleichzeitig war sie sehr unsicher: Würde man sie vorführen, auslachen, verspotten? Ich hatte den Job, sie auf der Bühne zu interviewen, und sie begegnete mir damals mit großem Mißtrauen. Als das Interview dann stattfand, fiel die Unsicherheit von ihren Schultern – sie merkte, daß alle Besucher ihrer Person und ihren Filmen mit Liebe begegneten. Es wurde dann noch ein sehr schönes Wochenende. Ein signiertes Bild von Tante Doris – schwarzweiß, „film noir style“ – hängt immer noch an der Wand meines Arbeitszimmers.
Wer bisher keine Gelegenheit hatte, sich mit dem Werk Doris Wishmans vertraut zu machen, kann dies nun tun. Einige ihrer schönsten Filme stehen zur Verfügung, um über deutsche Leinwände zu flimmern und ihr Zierkissenregiment in den Herzen der Mutigen und Neugierigen zu errichten. Wer sich dort hineinbegibt, findet sich in einer wahrhaft wilden Welt wieder, einer Parallelwelt zu der unseren. Sehr häufig telefonieren die Figuren in jenen Filmen, und die Kamera verfolgt neugierig jeden Zentimeter des Telefonkabels. Es sind Gespräche in die Außenwelt, in unsere Welt, jene Welt, in der wir leben müssen. Wenn wir eine Eintrittskarte lösen, um uns TEUFLISCHE BRÜSTE, BAD GIRLS GO TO HELL oder NACKT IM SOMMERWIND anzuschauen, dürfen wir eine kurze Zeit in der Welt von Tante Doris verweilen. Es ist eine sehr liebe und kennenswerte Welt. Viel Spaß also bei dieser cineastischen Entdeckungsfahrt der besonderen Art!

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