In Österreich, wo gerade diese Zeilen in
die Tastatur geklopft werden, herrscht wieder Lockdown. Das ist natürlich alles
andere als gut. Aber man soll ja das Beste aus der Situation machen und das Beste
heißt für mich natürlich, so viele Filme zu schauen, wie nur irgendwie möglich.
Und was passt bitte mehr in einen 2021-Lockdown, als ein surreales
Beziehungs-Kammerspiel, das eingefahrene Geschlechterrollen anprangert?
Es gibt Begriffe, die sollten nicht
inflationär benutzt werden. In Wirklichkeit sollte das gar keiner, weil jedes
Wort dadurch an Bedeutung verliert. Ein gutes gegenwärtiges Beispiel wäre zum
Beispiel „Intensivstation“. Zumindest kann ich es mir nicht anders erklären, dass
derzeit so viele Menschen mit dieser Form der medizinischen Unterbringung
liebäugeln, wo das doch bedeutet, dass sie splitterfasernackt an dutzenden
Schläuchen hängen und mit dem Tod ringen, während ihnen Pflegekräfte den Arsch
sauber wischen. Natürlich ist es aber keine Option,
Intensivstationen nicht mehr Intensivstationen zu nennen. Weil es nun mal Intensivstationen sind. Deswegen vielleicht
doch kein so gutes Beispiel und die Ursache des Problems sollte andernorts zu
finden sein. Wie dem auch sei, ein Begriff, mit dem ich jedenfalls sparsam
umgehe, weil ihm der inflationäre Gebrauch nur schadet, ist „subversiv“. Ein
Grund dafür ist die Tschechoslowakische Neue Welle, die 1962 ihren Anfang nahm
und 1968 mit dem Prager Frühling ihr gewaltvolles Ende fand. Diese unheimlich
spannende Bewegung zeigt für mich exemplarisch auf, was subversives Kino eigentlich bedeutet. Und was ihm drohen kann.
Einige bekannte Namen gehen aus dieser,
von der französischen Nouvelle Vague beeinflussten, Neuen Welle hervor, die in
ihrer Muttersprache Nova Vlná genannt wird. Miloš Forman hat, bevor er nach dem
Prager Frühling gleich in den USA geblieben ist, wichtige Filme dazu geliefert.
Darunter einen meiner Favoriten der Welle, nämlich DIE LIEBE EINER BLONDINE
(1965), aber natürlich auch den bekannteren DER FEUERWEHRBALL (1967). Juraj
Herz, ein namhafter Vertreter der slowakischen Seite, hat mit seiner Liebe zum makabren
Horror- und Märchen-Film, Meisterwerke wie DER LEICHENVERBRENNER (1969) geschaffen,
den es übrigens in schön restaurierter Fassung bei Deutschlands Vorzeige-Label
BILDSTÖRUNG auf Blu-ray zu beziehen gibt. Dort finden sich auch noch zwei
weitere Perlen des tschechoslowakischen Films, nämlich Věra Chytilovás
TAUSENDSCHÖNCHEN (1966) und Jaromil Jireš VALERIE –
EINE WOCHE VOLLER WUNDER (1970). Bei beiden Filmen war Ester Krumbachová als
Drehbuchautorin beteiligt, bei TAUSENDSCHÖNCHEN außerdem für die fantastischen
Kostüme verantwortlich.
Krumbachová war für die ganze Bewegung
essentiell. Hervorragende Kostüme entwarf sie nicht nur für TAUSENDSCHÖNCHEN,
sondern zum Beispiel auch für Jan Némecs Debüt DIAMONDS OF THE NIGHT (1964), der sie
übrigens als seine Muse bezeichnete. Beim Drehbuchschreiben unterstützte sie nicht
nur Chytilová und Jireš, sondern auch Otakar Vávra bei seinem Folk Horror Streifen
WITCHHAMMER (1970). Als Regisseurin ist sie leider nur ein einziges Mal tätig
geworden und zwar mit der surrealen Komödie MURDERING THE DEVIL (1970), den es,
neben vielen weiteren Filmen, auf dem YouTube-Kanal „Česká filmová klasika“ zu
sehen gibt. In der Film-Konzepte Reihe über Věra Chytilová von Herausgeberin Margarete
Wach, wird er als einer der am meist ignorierten Filme des tschechischen Kinos bezeichnet.
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MURDERING THE DEVIL ist ein eigenwilliges
Antimärchen, das als Kammerspiel inszeniert ist. Wir begleiten darin eine nicht
mehr ganz junge Frau, die alleine in einer wunderschön dekorierten Wohnung
lebt. Sie lässt sich auf ein Techtelmechtel mit einem in der Stadt hoch
angesehenen Mann ein. Oder vielmehr wünscht sie sich dieses Techtelmechtel mit
Option auf Heirat, während der Mann eigentlich nur zum Essen und für seine
tägliche Ration Mansplaining vorbeikommt.
Dieser Umstand nimmt immer absurdere Ausmaße an, bis der Nimmersatt aka Mr.
Devil beginnt, selbst an den schönen Möbeln der Wohnung zu nagen. Spätestens jetzt
muss sich unsere Protagonistin ernsthaft überlegen, wie sie diesen Schmarotzer
wieder loswird.
Gespielt wird das ungleiche Paar von Jiřina
Bohdalová, deren stark auf Gesichtsmimik konzentriertes Schauspiel ein wenig an
das von Giulietta Masina in LA STRADA (1956) erinnert, und von Vladimír Menšík,
den wir unter anderem aus dem bereits erwähnten DIE LIEBE EINER BLONDINE
kennen. Und auch wenn die zwei maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass man
diesen schrägen, kleinen Film liebend gerne bis zum Ende schaut, sind die
eigentlichen Stars des Streifens wiedermal Ausstattung und Kostüm. MURDERING
THE DEVIL ist eine Wohltat für das Auge, aber mit Sicherheit eine Zumutung für
Menschen, die ihre Filme gerne bodenständig haben, oder als „Fenster zur Welt“ betrachten.
Denn Krumbachovás erster und letzter Spielfilm hegt zumindest formal keine
Ambitionen, mit der Realität viel zutun zu haben. Die inhaltlich verhandelten
Themen wiederum, die sich insbesondere um Geschlechterrollen drehen, aus denen
es nur schwer gelingt, auszubrechen, sind damals wie heute höchst aktuell. Insbesondere
in Österreich, wo Paare und Familien sich jetzt wieder wochenlang in ihren
Kämmerchen ertragen müssen.